Ethische Grundlagen, klinische Relevanz und strukturelle Empfehlungen
Stellungnahme der Kommission für ethische Fragen im Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit e.V. (Bündnis KJG)
Federführung: Dr. med. Christoph Kupferschmid, Ulm
Einleitung
Die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen ist in besonderer Weise durch komplexe Verantwortungsstrukturen, entwicklungsabhängige Autonomie und die Notwendigkeit multiprofessioneller Zusammenarbeit geprägt. Medizinische Entscheidungen betreffen in der Kinder- und Jugendmedizin nicht allein das Verhältnis zwischen Ärztinnen, Ärzten, anderen Gesundheitsfachkräften und Sorgeberechtigten, sondern schließen regelhaft – entsprechend Alter, Reife und individueller Situation – Kinder und Jugendliche selbst ein. (1,2)
Vor diesem Hintergrund gewinnt Shared Decision Making (SDM) als Modell gemeinsamer, verantwortungsethisch fundierter Entscheidungsfindung zentrale Bedeutung. SDM ist dabei nicht lediglich eine Methode der Kommunikation, sondern Ausdruck moderner, patienten- und familienorientierter Medizin. Sie ist auch eine ethische Behandlungsnorm. (3,4)
Die Kommission versteht SDM als Leitprinzip einer verantwortungsvollen medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen.
1. Definition und konzeptionelle Grundlagen
Shared Decision Making bezeichnet einen strukturierten Prozess, in dem Ärztinnen, Ärzte und weitere Gesundheitsfachkräfte zusammen mit Patientinnen, Patienten und Sorgeberechtigten auf der Grundlage wissenschaftlicher Evidenz, medizinischer Erfahrung sowie individueller Werte, Präferenzen und Lebenskontexten gemeinsam medizinische Entscheidungen treffen. (5)
Kennzeichnend für SDM sind:
- die partnerschaftliche Beteiligung aller relevanten Akteurinnen und Akteure,
- der transparente Austausch medizinischer Informationen,
- die gemeinsame Reflexion von Handlungsoptionen unter Berücksichtigung ihrer Vor- und Nachteile,
- die Berücksichtigung individueller Wertvorstellungen,
- die konsensorientierte Entscheidungsfindung.
SDM überschreitet sowohl paternalistische Modelle ärztlicher Autorität als auch solche Modelle, die Verantwortung für Entscheidungen unangemessen auf Patientinnen und Patienten verlagern. Vielmehr integriert SDM professionelle Verantwortung und individuelle Selbstbestimmung in einem Dialog auf der Basis geteilter Verantwortung. (6)
2. Ethische Grundlagen
Die ethische Legitimation von SDM beruht im Wesentlichen auf dem zentralen Prinzip der Autonomie (7).
Patientinnen und Patienten und deren Sorgeberechtigte haben demnach das Recht, medizinische Entscheidungen informiert mitzugestalten. (8)
Die Kommission betont, dass SDM in der Kinder- und Jugendmedizin stets im Spannungsfeld zwischen elterlicher Verantwortung, professioneller Fürsorgepflicht und der sich entwickelnden Autonomie von Kindern und Jugendlichen stattfindet. (1,9)
Kinder- und Jugendmedizin ist daher aufwendiger, als die Medizin für Erwachsene.
3. Besonderheiten in der Kinder- und Jugendmedizin
Im Unterschied zur Erwachsenenmedizin ist die Entscheidungsfindung in der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen regelmäßig triadisch angelegt: Ärztinnen, Ärzte und weitere Gesundheitsfachkräfte, Sorgeberechtigte sowie Kinder und Jugendliche sind beteiligt. (2)
Daraus ergeben sich besondere Anforderungen:
3.1 Entwicklungsabhängige Partizipation
Kinder und Jugendliche sollen ihrem kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklungsstand entsprechend aktiv einbezogen werden. (10)
3.2 Elterliche Verantwortung
Eltern bzw. Sorgeberechtigte tragen rechtliche und moralische Verantwortung, deren Grenzen dort liegen, wo das Kindeswohl erheblich gefährdet wird. (8)
3.3 Prognostische und ethische Unsicherheit
Viele pädiatrische Entscheidungen erfolgen unter Bedingungen erheblicher Unsicherheit hinsichtlich Prognose, Lebensqualität und Langzeitfolgen. (11)
3.4 Relationale Autonomie
Autonomie wird in der Kinder- und Jugendmedizin nicht isoliert verstanden, sondern in familiäre, soziale und entwicklungsbezogene Kontexte eingebettet. (2)
4. Klinische Relevanz
Die wissenschaftliche Evidenz belegt, dass SDM-Entscheidungsqualität verbessert, Vertrauen stärkt, Therapieadhärenz fördern kann, Unsicherheit reduziert und die Familienzufriedenheit erhöht. In der Regel verursacht sie keine Verschlechterung der klinischen Ergebnisse. (12)
Besonders relevant und teilweise weit fortgeschritten ist SDM in den Gebieten Neonatologie, pädiatrische Intensivmedizin, pädiatrische Onkologie, Kinderkardiologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sozialpädiatrie, bei chronischen Erkrankungen, in der Kinderchirurgie und bei palliativen Situationen. (13,14,16)
Gerade in hochkomplexen oder lebenslimitierenden Situationen dient SDM der ethisch reflektierten Balance zwischen medizinischer Evidenz, familiären Wertvorstellungen und professioneller Verantwortung.
5. Strukturelle Umsetzung
Die Implementierung von SDM erfordert verbindliche institutionelle Voraussetzungen, darunter Zeitressourcen, kommunikative und ethische Qualifikation, Entscheidungshilfen, multiprofessionelle Kooperation und Ethikberatung. (12)
Hemmnisse bestehen insbesondere durch Zeitdruck, hierarchische Strukturen, asymmetrische Informationsgestaltung, kulturelle und sprachliche Barrieren und im Fehlen von ausreichender Vergütung. (12)
Digitale und KI-gestützte Systeme können unterstützend wirken, ersetzen jedoch nicht die ethisch verantwortete persönliche Kommunikation. (15)
6. Konflikte und Grenzen
SDM führt nicht zwingend zu Konsens. Konflikte können entstehen:
- Zwischen Eltern oder Sorgeberechtigten auf der einen, Ärztinnen, Ärzten und weiteren Gesundheitsfachkräften auf der anderen Seite,
- zwischen Sorgeberechtigten,
- zwischen Kindern und Jugendlichen und Eltern oder Sorgeberechtigten,
- zwischen Kindern und Jugendlichen und medizinischem Team. (2)
In solchen Situationen gilt:
- Das Kindeswohl bleibt oberste Priorität,
- professionelle Verantwortung bleibt bestehen,
- klinische Ethikberatung sollte frühzeitig einbezogen werden,
- bei nicht lösbaren Meinungsunterschieden zwischen Betroffenen, ihren Sorgeberechtigten und dem Behandlungsteam, kann die Einschaltung des Familiengerichts als ultima ratio notwendig werden. (17)
Die Kommission betont, dass SDM keine Delegation von Verantwortung bedeutet, sondern eine strukturierte Form geteilter Verantwortung unter klaren ethischen Rahmenbedingungen.
7. Empfehlungen der Kommission
- Verankerung als Versorgungsstandard: SDM sollte als verbindliches Leitmodell in der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen etabliert werden.
- Verbindliche Aus- und Weiterbildung: Kommunikative, ethische und entwicklungspsychologische Kompetenzen müssen als verpflichtender Bestandteil der Qualifikation in der Kinder- und Jugendmedizin ausgebaut werden.
- Partizipation von Kindern und Jugendlichen: Kinder und Jugendliche müssen entsprechend ihrem Entwicklungsstand systematisch und angemessen in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.
- Institutionelle Voraussetzungen: Die Gesundheitseinrichtungen und besonders Kliniken für Kinder und Jugendliche müssen strukturelle Voraussetzungen schaffen, die SDM praktisch ermöglichen.
- Forschung und Evaluation: Weitere Evaluation zur Wirksamkeit und Implementierung von SDM und zur Qualitätssicherung ist notwendig.
- Gerechter Zugang: SDM muss unabhängig von sozialem, kulturellem oder sprachlichem Hintergrund gewährleistet werden. Der zusätzliche Aufwand muss ausreichend vergütet werden.
Schlussfolgerung
Shared Decision Making ist in der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen Ausdruck einer modernen, ethisch reflektierten und kindeswohlorientierten Medizin. SDM verbindet wissenschaftliche Evidenz, professionelle Verantwortung, familiäre Wertorientierungen sowie die Rechte und Interessen von Kindern und Jugendlichen.
Die Kommission bewertet SDM daher nicht als optionales Kommunikationsinstrument, sondern als berufsethisches Prinzip verantwortungsvoller pädiatrischer Versorgung. Die nachhaltige Implementierung von SDM ist Voraussetzung für eine Medizin, die Autonomie, Fürsorge, Transparenz und Kindeswohl in angemessener Weise mit Fachkompetenz verbindet.
Literatur
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Zusammenfassung:
Shared Decision Making (SDM) verbindet wissenschaftliche Evidenz, professionelle Verantwortung, familiäre Wertorientierungen sowie die Rechte und Interessen von Kindern und Jugendlichen. SDM ist nicht lediglich eine Kommunikationsstrategie, sondern muss als grundlegendes ethisches Prinzip einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen verstanden werden. Die Ethikkommission empfiehlt, Shared Decision Making als Versorgungsstandard zu etablieren. Die Umsetzung muss durch Aus- und Weiterbildung, institutionelle Unterstützung, einen gerechten Zugang sowie eine kontinuierliche Evaluation nachhaltig gefördert werden.
Keywords: Shared Decision Making, Medizinethik, Kinder- und Jugendmedizin.
Summary:
Shared Decision Making (SDM) integrates the best available scientific evidence with professional responsibility, family values and preferences, and the rights and interests of children and adolescents. SDM is not merely a communication strategy but should be regarded as a fundamental ethical principle underpinning high-quality healthcare for children and adolescents. The Ethics Committee recommends that SDM be established as the
standard of care. Its implementation should be systematically promoted through education, institutional support, equitable access, and ongoing evaluation.
Keywords: Shared Decision Making, medical ethics, child and adolescent medicine.
Stellungnahme der Kommission für ethische Fragen des Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit e. V.
Mitglieder: Dr. med. Ernst Fukala (Berater), Prof. Dr. Peter W. Gaidzik (Juristischer Berater), Elke Hauke (Kindernetzwerk), Dr. med. Ralf van Heek (BVKJ), Prof. Dr. med. Egbert Herting (DGKJ), Prof. Dr. med. Thomas Klingebiel (DGKJ), Dr. med. Christoph Kupferschmid (BVKJ), Prof. Dr. med. Oliver Muensterer (DGKJCH), Prof. Dr. med. Andreas Oberle (DGSPJ), Dr. med. Stefan Renz (BVKJ).
Korrespondenzadresse:
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